Zur Situation der Roma in Bremen

Ein Artikel von der Aktion 349 auf der Homepage von racaille verte zur Situation der Roma in Bremen.

Die Aktion 349 ist eine antirassistische Gruppe aus Bremen. Momentan beschäftigt sie sich vor allem mit den 349 Bremer Roma, die von einer Abschiebung bedroht sind. Daher auch der Name. Es wird versucht, per Öffentlichkeitsarbeit ein Bleiberecht für die Roma zu erstreiten sowie antiziganistische Hintergründe in dieser Gesellschaft zu erkennen und zu bekämpfen.

ALLE ROMA BLEIBEN HIER! – Über die Situation der Roma in Deutschland und dem Kosovo

Nachdem die deutsche Bundesregierung am 14.04.2010 endgültig ein Rücknahmeabkommen mit dem Kosovo geschlossen hat, sind bundesweit ca. 10 000 Roma, Ashkali und Kosovo-Ägypter_innen von der Abschiebung gefährdet. Davon leben in Bremen 349 Roma, die vor mehreren Jahren während des Kosovo-Krieges hierher kamen. Seitdem haben sie sich ein Leben und ein soziales Umfeld aufgebaut. Viele der Betroffenen sind Kinder und Jugendliche, die hier geboren wurden oder als Baby nach Bremen kamen und deswegen hier zur Schule gehen. Für die Roma ist Deutschland bzw. Bremen ihre Heimat, nicht der Kosovo.

Was bedeutet eine Abschiebung in den Kosovo? Wie sind die dortigen Lebensbedingungen für Roma?
Eine Abschiebung ist eine gegen den Willen der Betroffenen durchgeführte Ausweisung aus der BRD. Durch die Abschiebung in den Kosovo oder in die Länder des ehemaligen Jugoslawiens drohen den Roma Diskriminierung und Verfolgung. Oft werden sie Opfer von körperlicher Gewalt seitens Bevölkerung und Polizei; sie müssen in ständiger Furcht leben, sind sogar von Pogromen und Mord betroffen. Da sie ihrer Häuser und Besitztümer enteignet wurden, bleibt ihnen nur die Möglichkeit in einer der illegalen Siedlungen unter menschenunwürdigen Bedingungen zu leben. Dort leben sie häufig in selbstgebauten Hütten aus Pappe und Plastikfolien, wo es oft an fließendem Wasser fehlt. Außerdem haben die Roma dort oftmals weder Familie noch soziale Kontakte. Auch die Landessprache sprechen sie meist nicht, da sie willkürlich von den Abschiebebehörden in den Kosovo, wo albanisch gesprochen wird, oder nach Serbien, wo serbisch gesprochen wird, abgeschoben werden. Dies stellt besonders ein Problem für die hier aufgewachsenen Kinder und Jugendlichen dar.

Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben bleibt den Roma im Kosovo und in anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens verwehrt. Weniger als zwanzig Prozent der Roma-Kinder im Kosovo besuchen regelmäßig eine Schule. Schätzungen zufolge ist von den 3,7 Millionen Roma im Balkanraum die Hälfte unterernährt. Die Kindersterblichkeit sowie die Arbeitslosenrate unter den Roma der Region liegen überall weit über dem jeweiligen nationalen Durchschnitt und die Lebenserwartung von Roma im östlichen Europa liegt im Schnitt zehn Jahre unter dem der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung, da ihnen u.a. die medizinische Versorgung verwehrt wird. Desweiteren grenzt es für sie an die Unmöglichkeit, einen Arbeitsplatz zu finden und somit sich oder ihre Familie zu ernähren.

Die Abschiebung heißt ein Leben in Elend und ohne menschenwürdige Zukunft.
„Amnesty International“, „Human Rights Watch“ sowie „Unicef“ veröffentlichten mehrere Studien zu den Lebensumständen von Minderheiten im Kosovo. Hierzu sagte die West-Balkan-Expertin von „Human Rights Watch“, Wanda Troszczynska-van Genderen:
„Europa schickt die schutzlosesten aller Kosovo-Flüchtlinge zurück in die Armut, Diskriminierung, Ausgrenzung und Vertreibung“.
Dies ist auch der Bundesregierung seit längerem bekannt. Doch Abgeschoben werden soll trotzdem.

Wie kommt es zur Diskriminierung von Roma?
Soziale Ausgrenzung und Kriminalisierung sowie die europaweit stattfindenden Vertreibungen und sogar Morde an Roma stehen im Zusammenhang mit einer abwertenden und meist feindseligen gesellschaftlichen Haltung gegen Roma. Die Diskriminierung von als „Zigeuner“* diffamierten Menschen hat in Europa eine lange Tradition und fand ihren traurigen Höhepunkt im Nationalsozialismus mit mehreren hunderttausend Toten. Die Mehrheitsgesellschaft, also der Teil der Bevölkerung, der Normen und Werte aufgrund einer quantitativen Überlegenheit bestimmt, vertritt antiziganistische Stereotype des „stehlenden, schmutzigen, arbeitsscheuen und vagabundierenden Zigeuners“ der als „faul und kindlich-dumm“ oder positiv gewendet „als freiheitsliebende_r Musiker_in“ usw. beschrieben wird. Damit sei der „Zigeuner“ nicht passend in die moderne arbeitsame Gesellschaft und wird als „etwas anderes“ betrachtet.

In der Berichterstattung über Roma wird oft deutlich, wie Menschen, die in der deutschen Gesellschaft leben in nützlich und unbrauchbar sortiert werden. Als nicht nützlich angesehen werden z.B. als solche definierte „Arbeitsscheue“, die Lohnarbeit verweigerten, „Vagabunden“ und „Herumtreibende“, die nicht loyal gegenüber der Nation sowie im Allgemeinen unangepasst seien. Der Stereotyp vom „Zigeuner“ findet sich hier wieder, weshalb Roma zu nutzlosen Mitgliedern unserer Gesellschaft abgewertet werden. Diese „Ungleichheit“ und „Nutzlosigkeit“ legitimiert das Absprechen von dem Recht auf Selbstbestimmung, Erhaltung oder Schaffung von ökonomischen Lebensgrundlagen, auf körperliche Unversehrtheit bis hin zum Recht auf Leben. Außerdem wird die Privilegierung der überlegenen Bevölkerung gerechtfertigt und die bürgerlichen Werte und Normen aufgewertet.
Daher ist Antiziganismus kein Problem des rechten Reaktionismus, sondern der Mehrheitsgesellschaft!

Wir fordern:

Sofortiger und endgültiger Abschiebestopp in Bremen und überall!
Bereits abgeschobene Roma müssen zurückkehren können!
Ein Leben in Sicherheit und Würde für Roma aber auch alle anderen, die rassistisch aussortiert werden!
Antiziganistische Stereotype bekämpfen!

*Die hier angeführten Zuschreibungen gendern wir nicht, da die durch die Anführungszeichen symbolisierte Einstellung der Mehrheitsgesellschaft auch Frauen kategorisch ausschließt.