[WK] Filme zeichnen ein neues Bild der Roma

Ostertor. Zurück in den Kosovo? Das kann sich Elena Gashi nicht vorstellen. „Ich fühle mich wie ein ganz normales deutsches Mädchen“, sagt die 13-Jährige. Wie ihr geht es auch den anderen sechs Roma-Mädchen, die ihre Gefühle und Gedanken jetzt in Kurzfilmen festgehalten haben. Auf dem Balkan Cinema Filmfestival Bremen im Cinema Ostertor feierten die Filme jetzt Premiere.

Was die Mädchen im Kosovo erwarten würde – Ruinen, Armut, Diskriminierung – zeigte der Dokumentarfilm „Willkommen zuhause“ von Regisseurin Eliza Petkova (27). „Wir wollen neue und andere Bilder über Roma liefern“, erklärt Marc Millies, der das Festival für den Verein Terra Nostra koordiniert. „Dazu gehört auch, dass wir Jugendliche motivieren, eigene Bilder herzustellen.“ Eine Minute lang sind die Filme, die die Mädchen, die fast alle in der Hochhaussiedlung Grohner Düne in Vegesack wohnen, während eines Workshops des unicef-Projektes „OneMinutesJr“ gedreht haben. Zwei Medienpädagogen standen den Teenagern zur Seite. Alle Mädchen wurden entweder in Deutschland geboren oder kamen als Kleinkinder hierher.

Linda Hajrusi (14) hat als einzige in der Gruppe einen deutschen Pass. In ihrem Film „Nie wieder“ geht es um Gewalt. Sie ist es, die austeilt. „Aber eigentlich bin ich gar nicht so“, sagt sie, im Film und im Kino, wo sie genau wie Jacquelina Adzovic (18) und Regisseurin Eliza Petkova Rede und Antwort stand. Jacquelinas Film heißt „Meine Zukunft“. Ihre Mutter liest ihr darin die Karten, verspricht ihr einen guten Mann – und Erfolg. Aber: „Du musst auch etwas dafür tun, schreib Bewerbungen.“

Jacquelinas Eltern sind vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland gekommen. Sie und ihre Geschwister wurden in Hamburg geboren. Angst, abgeschoben zu werden, hat sie nicht. Andere schon. Einsame Runden auf einem Karussell und ein leeres Fotoalbum werden zu Symbolen für zurückgelassene Freunde und fehlende Erinnerungen aus der alten „Heimat“ Kosovo. Drecksheimat: So nennt ein Familienvater in dem Film von Eliza Petkova das Land, aus dem er vor mehr als 20 Jahren flüchtete. Jetzt ist er wieder dort. „Wir wurden einfach auf den Müll geworfen“, sagt sein erwachsener Sohn und weint. Erwachsene Roma finden im Kosovo keine Arbeit. Kinder, die in Deutschland zur Schule gingen, bleiben hier zu Hause.

„Wenn sie kein Albanisch sprechen, ist es sehr schwer für die Roma im Kosovo“, stellt Eliza Petkova im Cinema fest. „Roma trauen sich im Kosovo nicht auf die Straße.“ Drei Wochen lang sind die gebürtige Bulgarin und ihr drei Mann starkes Team durch den Kosovo gereist. Viele der Familien, die im Film zu sehen sind, haben sie durch Zufall getroffen. „Hier ist alles dreckig“, erzählt ein Junge vor der Kamera. Zwei andere sammeln auf einem Müllhaufen die Dosen und Plastikflaschen ein.

In Deutschland drehte das Filmteam unter anderem bei Roma in Lünen und Göttingen. Eliza Petkova selbst lebt seit acht Jahren in Berlin. Sie ist keine Roma. Aber: „Durch mein Leben hier habe ich einen anderen Blick auf meine Heimat bekommen“, sagt sie. „Die Abneigung gegen Roma ist in den vergangenen Jahren in Bulgarien gewachsen.“ Deshalb dokumentiert ihr erster Film zum Thema „Stille Post“ das Leben der Roma in Bulgarien. „Als hier Abschiebung ein Thema wurde, war es meine moralische Pflicht, etwas dagegen zu machen“, sagt sie. Das Ergebnis ist ein Film, der das Publikum im Cinema traurig und wütend machte. „Jeder einzelne kann sich für ein generelles Bleiberecht für Roma einsetzen“, stellt eine Bremerin fest. Sie tat es damit Roma-Aktivist Kenan Emini gleich, der in Eliza Petkovas Film zu Wort kommt.

Rund 10000 in Deutschland lebenden Roma droht laut „pro Asyl“ nach der Unterzeichnung des Rückübernahmeabkommens zwischen Deutschland und dem Kosovo vor gut einem Jahr die Abschiebung. Wie Juden seien auch Roma im Nationalsozialismus verfolgt worden, argumentiert Kenan Emini: „Wenn 10000 Juden abgeschoben werden sollten, würde die ganze Welt aufschreien.“

Die „Emanzipation der Roma“ ist am Freitag, 6. Mai, 19 Uhr, Thema in der Villa Ichon. Schriftsteller Jovan Nikolic berichtet über Kultur, Geschichte und den Kampf für gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung der Roma. Im Cinema geht es am Mittwoch, 11. Mai, 19 Uhr, mit dem Film „Me, my gipsy family & Woody Allen“ weiter. Zwei Wochen später findet das Festival mit dem Film „Vespa“ seinen Abschluss. Nähere Informationen unter www.balkancinema.de.

kopiert aus dem Weser Kurier